Die Universität der Zukunft… eine Skizze (vorab)

Kürzlich wurde ich im Rahmen eines interessanten Buchprojektes von Ulrich Dittler  gefragt, ob ich einen Buchbeitrag zum Thema “Hochschule der Zukunft” beisteuern könnte. Jetzt hat Jürgen Handke mich gefragt, ob ich einige der Gedanken nicht schon einmal teilen könnte – (für das Projekt der Neugründung der Uni Nürnberg).

Ich veröffentliche also hier schonmal einmal einen Auszug daraus – sozusagen “free thinking for free” vorab…

Das spannendste ist glaube ich die Tabelle ganz unten – ohne Gedankengrenzen…

2. Neue Herausforderungen für die Hochschule der Zukunft

Die Zukunft der Hochschule spannt sich wie ein Horizont. Luhmann (Luhmann, 1976) beschreibt, dass in allen sozialen Systeme Erwartungen gebildet werden, die maßgeblich sind dafür, wie sich das System, auch die Hochschule, in seinen Operationen auf die Zukunft ausrichtet. Daher ist es wichtig, für die Zukunft der Hochschule auch die Situation innerhalb der Hochschule und die Erwartungen ihrer Akteure mit einzubeziehen. Niklas Luhmann (ebenda) unterscheidet in diesem Zusammenhang zwei Aspekte, nämlich gegenwärtige Zukünfte – also Projektionen, etwa in Gestalt von Utopien – und zukünftige Gegenwarten in Gestalt von technologischen Orientierungen, kausalen oder stochastischen Verbindungen zukünftiger Ereignisse. Diese Skizze versteht sich eher als ein Beitrag einer zukünftigen Gegenwart.  Die Hochschule der Zukunft wird sich in Organisationsstruktur und Arbeitsweise ändern müssen, will sie den geänderten Rahmenbedingungen einer Gesellschaft Rechnung tragen, in der akademischen Bildung die normalbiografische Erfahrung der Mehrheit einer Alterskohorte ist. Der Megatrend der gesellschaftlichen Entwicklung hin zu einer Bildungsgesellschaft mit all ihren Erscheinungsformen wird durch einen zweiten gesamtgesellschaftlichen Megatrend verstärkt, den der Digitalisierung. In beiden Entwicklungen sind eine Reihe von Ursache-Wirkungsbündeln enthalten, die in ihren Auswirkungen starken Einfluss auf die Entwicklung der Hochschule der Zukunft nehmen.

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Abbildung 1: Einflussfaktoren auf die Hochschule

 

2.1 Herausforderung 1: Bildungsgesellschaft

Universitäre Bildung war immer begehrt, aber nie so offen zugänglich wie derzeit. War die erst Hochschulausbildung im Bologna des 11. Jahrhunderts noch sehr auf die gesellschaftlichen Eliten ausgerichtet und hoch selektiv im Zugang für nur sehr privilegierte Zielgruppen, so ist durch die Bedarfe der industrialisierten Gesellschaft ausgelöst, ein wahrer Feldzug der Massenhochschulen eingetreten. Hochschulbildung zu erlangen wird heute zur Normalbiografie und Standarderfahrung (OECD, 2016). Auch in Deutschland studierende mittlerweile mehr als 50% einer Alterskohorte. Die Quote der Studienberechtigten stieg 2012 bundesweit auf 53,5 Prozent (zu Akademisierungstrends siehe auch Alesi & Teichler, 2013), die der Studienanfänger/innen auf 54,6%, und der Studienabsolventen auf 30% (Dräger & Ziegele, 2014). Meyer und Schofer (Schofer & Meyer, 2005) zeigen anhand hochschulstatistischer Auswertungen, dass die Hochschulexpansion spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ein in allen fortgeschrittenen Ländern der Erde beschleunigt auftretender Prozess ist, der jedoch durchaus mit unterschiedlicher Geschwindigkeit verläuft. Die durchaus bedenkenswerten kritischen Interventionen zum „Akademisierungswahn“ sind demnach wichtige Reflexionsmomente, die jedoch am Faktum der stetig zunehmenden Bildungspartizipation nichts ändern (werden). Mit einer Hochschulpartizipationsrate deutlich oberhalb der 50%-Marke wird man somit überall rechnen müssen (vgl. Teichler 2014; Baethge u.a. 2014).

Die Bedeutung von Bildungsbeteiligung als Ermöglicher am kulturellen, sozialen und ökonomischen Kapital (Bourdieu, 1982) teilhaben zu können, steigt damit stetig weiter an. Der in der Pädagogik und Soziologie zunehmend stärker diskutierter Begriff der Bildungsgesellschaft (Mayer, 2000) ist hierfür kennzeichnend. Damit ist sie paradoxerweise nicht nur eine wichtige Option, sondern stellt auch zunehmend ein Risiko dar, sollte eine entsprechend Bildungsbeteiligung nicht stattfinden (können) (Beck, 1986). Option und Zwang liegen damit eng beieinander.

2.2 Digitalisierung der Universitäten

Ein zweiter wichtiger Änderungswind weht seit einiger Zeit aus Richtung der Digitalisierung auf die Hochschulen zu. Es ist kein von der oben beschriebenen Entwicklung zur Bildungsgesellschaft getrennt stehender Faktor, sondern beflügelt diesen eher noch. Die Digitalisierung führt zu Entgrenzungsprozessen akademischer Bildung und ihrer Organisation, die auf alle Bereiche der Hochschule einen Einfluss hat:

  • Das für ein akademisches Studium notwendige Wissen wird zunehmend frei digital verfügbar und von einer spezifischen akademischen Institution und ihren Akteuren abgekoppelt verfügbar. Die Koppelung von Wissenszugang und Institutionszugehörigkeit löst sich mehr und mehr auf. So ist bspw. ein ‚Patchworkstudium’ mit unterschiedlichen akademischen Lehrveranstaltungen an unterschiedlichen Institutionen prinzipiell denkbar und wird auch zunehmend realisiert.
  • Wissensvermittlungsprozesse verlieren ihre Raum- und Zeitgebundenheit und Studium kann neu und unabhängig von Seminarräumen und Präsenzveranstaltungen organisiert werden.
  • Die Generierung neuen Wissens über Forschungsprozesse ist heute ohne digitale Medien und durch sie unterstützte Prozesse nicht mehr denkbar. Auch für die Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden, sowohl bei der Lehre als auch bei der Organisation des Studiums, werden zunehmend digitale Medien genutzt.
  • Forschende, Lehrende und Studierende treten über digitale Medien zunehmend auch in einen globalen Austausch und Studium, Lehre und Forschung internationalisiert sich.

Die hier genannten Punkte stellen nur eine kleine Auswahl von Aspekten dar, die durch Digitalisierung in der Hochschule der Zukunft beeinflusst werden. Die Tatsache, dass mehr und mehr Universitäten Konzeptionen zur Digitalisierung in ihre Strategiebildungsprozesse aufnehmen, trägt dieser Entwicklung Rechnung und ist gleichzeitig Ausdruck davon (Hochschulforum Digitalsierung, 2016).

Die steigende Individualisierung von akademischen Bildungsprozessen und die Vielfalt von Ansprüchen, Ziele und Methoden des Studierens wird durch die Unterstützung der Lehre und des Studiums mit digitalen Medien im oben beschriebenen Sine erst möglich. Die Digitalisierung wirkt wie ein Ermöglicher der Anforderungen, die gesteigerte Bildungsbeteiligung mit sich bringt. Die Digitalisierung der Hochschulbildung als Technisierung zu verstehen, wäre verkürzt und falsch. In ihrem Kern stehen Aspekte wie der freie Zugang zu Wissen, Wissensressourcen, entgrenzten Kommunikationsmöglichkeiten und Vernetzung. Es stellt sich die Frage, wie Bildungsprozesse aussehen müssen, wenn sie eben nicht mehr auf dem schon eingeübten Hierarchiegefälle der Lehrenden als der Wissensträger einerseits und der Studierenden als der Wissensempfänger andererseits ruhen kann. Vielmehr scheint das alte Ideal der Gemeinschaft der Studierenden und Lehrenden mit dem Ziel, innovative Ansätze durch Diskurs hervorzubringen, nun wieder aufzuscheinen – im gemeinsamen Diskurs Problemszenarien zu entwickeln und zu bearbeiten.

 

2.3 Zusammenfassung: Gestaltungsdruck und Gestaltungsrichtungen

Beides, sowohl die gestiegene Beteiligung an akademischer Bildung, als auch die zunehmende Digitalisierung der Hochschulbildung wirken wechselseitig verstärkend auf die Organisation und Ausgestaltung von Studium, Lehre und Forschung. Eine neue Vielfalt und Entkoppelungsprozesse sind die Folge und lösen einen immer stärker spürbaren Gestaltungsdruck in Richtung Individualisierung und lebenslanger akademischer Bildungsnotwendigkeit aus.

Zunahme von Vielfalt, Selbstorganisation und Entkoppelung

Diversität ist das große Stichwort der Hochschulbildung in jüngster Zeit. Sie wächst auf dem Zusammenhang, dass akademische Bildung einen immer größer werdenden Stellenwert für die soziale Teilhabe an der Gesellschaft besitzt, dass Bildungsprozesse zunehmend individueller (also auf den jeweiligen Bedarf der/ der einzelnen Person und Biografie zugeschnitten), und dadurch auch diversifizierter und an die jeweiligen Lebenslagen in Form und Inhalt angepasster werden (also weniger an Standartangeboten orientiert sind). Diese neue Vielfalt ist eine Heterogenität, die die große Herausforderung der Universitäten in den nächsten Jahren darstellt. Die ‚klassische Klientel‘ wissenschaftsaffiner und akademisch orientierter Studierender wird zu einer Minderheit an den Hochschulen werden. Der Bologna-Prozess gibt eine immer stärker berufsorientierte Hochschulausbildung vor, die für immer mehr Studierende der Beweggrund für ein Studium ist. Hochschulen werden sich auf die Vielfalt einstellen müssen, weil sie andernfalls weder den sich verändernden gesellschaftlichen Anforderungen gerecht werden, noch ihre Studierenden verstehen können. Derzeit besteht an Hochschulen oftmals der Eindruck, dass es kein großes Problem gäbe: Die Abbruchquoten in Deutschland mit um die 25% im OECD-Durchschnitt insgesamt eher niedrig. Jedoch geht es nicht nur darum, möglichst alle Studierenden wie bisher durch die erprobten Studienkonzeptionen zu schleusen, sondern die Frage zu stellen, welche neuen Fähigkeiten und Kompetenzen die Studierenden mit ins Studium bringen und wie deren Interessen zu einer Bereicherung der Lehre beitragen könnten.

Im Umgang mit mehr Vielfalt wird es für Hochschulen wichtig, Selbststeuerungsprozesse durch Studierende zu ermöglichen, um die potenziell sehr unterschiedliche Zielstellungen einer Studienkohorte miteinander in Einklang zu bringen. Während es in einem Fall noch darum geht, ein grundständiges Studium zu absolvieren, ist es in anderen Fällen ein berufsbegleitendes oder ein praxisintegriertes Studienmodell, hier besteht vielleicht das Interesse an einem Kontaktstudium und dort an einer vertieften fundierten Studieneinheit in einem Spezialfach. Diese unterschiedlichen Bedarfe und Interessen müssen zukünftig durch intelligente und modularisierte Studienmodelle miteinander kombinierbar werden. Studierende nehmen für sich ein stärkeres Wahlverhalten in Anspruch und nutzen die Möglichkeit zum Studium aus vielfältigsten Lebenslage und Positionen im Lebenslauf. So resultiert der Studienabbruch in der Mehrheit der ersten Semester mittlerweile nicht mehr aus Leistungsgründen, sondern aus der Tatsache, dass Studierende sich innerhalb der ersten Studienphase umentscheiden, vielleicht ein anderes Fach studieren möchten, eine andere akademische Institution wählen oder ganz aus dem Studium aussteigen möchten, was sie vielleicht später wiederaufnehmen wollen. Um solchen Bildungsverläufen gerecht zu werden muss die Konzeption eines akademischen Studiums neu gedacht werden: Kleinere akademische Qualifikationseinheiten zu konzipieren, diese in intelligenten Weisen miteinander koppeln zu können und dabei gleichzeitig nicht die großen Qualifikationslinien aus den Augen zu verlieren. Zertifizierung, Prüfung, Examen nur noch für ein gesamtes Studium abzunehmen, das Studium aus ‚einer Hand’, einer Institution, an einer Hochschule von A bis Z, wird zukünftig der Vergangenheit angehören oder zumindest neben das heute bekannte Normalmodell treten.

Eine dritte Entwicklung sind die sich abzeichnenden Entkoppelungsprozesse. Zum einen ist zu erkennen, dass sich die Vorstellung, die für einen Beruf notwendigen Qualifikationen und Kompetenzen ließen sich in klare und überdauernd gültige Curricula verpacken, als zunehmen absurd erweist. Es ist vielmehr eine Entwicklung von einem beruflichen und an Berufsdefinitionen orientierten System der Arbeit zum einem flexiblen System der Arbeit zu erkennen, in dem Berufsdefinitionen nicht mehr starre Tätigkeitsbündel umfassen, sondern sich stetig weiterentwickeln. Lisop und Beck sprechen hierbei von einem Abschied vom „Berufe-Konstrukt als qualifikatorischer und pädagogischer Fundierung“ (Lisop, 1997; Beck, 1986). Die Hochschule der Zukunft kann akademische Qualifikationen zukünftig nicht mehr als starres ‚Paket’ eng umgrenzter beruflicher Qualifikationen konzipieren. Vielmehr bedingt eine industriell hoch entwickelte Struktur von Produktion, Forschung, Entwicklung und Dienstleistungen einen raschen Wechsel der Qualifikationen. In der Konsequenz sind Universitäten aufgefordert, sich mehr an übergreifenden Kompetenzen und weniger an passgenauen Qualifikationen zu orientieren.

Im Bereich der Studienorganisation zeichnen sich ebenfalls Entkoppelungsprozesse ab: So bei der Entkoppelung von Studium und Abschluss. Akademisches Studium wird zukünftig nicht ausschließlich mit dem Ziel eines Abschlusses durchgeführt werden. Vielmehr wird der Bedarf an akademischer Weiterbildung steigen, an phasenweise verfügbarer akademischer Vertiefung von beruflich relevanten Themen. Auch werden die Motive akademische Bildung als ‚Genuss im Lebensvollzug’ in Anspruch zu nehmen wichtiger werden. In einem zunehmend digitalisierten Markt für akademische Bildungsangebote werden akademische Qualifikation zukünftig auch nicht mehr nur noch aus einer Hand, von einer Institution und vollumfänglich betreut werden (können). Vielmehr werden Studierende auf Grundlage ihrer eigenen Präferenzen zunehmend ihre eigene Zusammenstellung von Angeboten und Institutionen vornehmen. Damit entkoppelt sich das akademische Studium auch von einer ‚Ein-Campusmentalität’, hin zu einer potenziell entkoppelten ‚Viel-Campusmentalität’, in der Studium und Institution voneinander getrennt zu sehen sind.

Ein weiterer Entkoppelungsvorgang ist die Entkopplung der Zeitspanne, in der ein Studium stattfindet: Akademische Qualifizierung wird zukünftig nicht mehr als ‚Qualifikation auf Vorrat’ direkt nach einem Abschluss einer weiterführenden Schule in Anspruch genommen werden, sondern in episodischen Verläufen, prinzipiell unbegrenzt über die gesamte Lebensspanne hinweg. Der Markt akademischer Weiterbildung, in dem dieses Bildungssegment derzeit angesiedelt ist, wird sich von einem Nischenmarkt (heute) zu einem Standardangebot zukünftiger Universitäten entwickeln.

Lebenslange, akademische Bildung: Von einer Option zur Notwendigkeit

Glaubt man dem beckschen Postulat der Risikogesellschaft (Beck, 1986), dann stellt kontinuierliche (akademische) Bildung zünftig einen wichtigen Weg der Risikovermeidung dar. Dabei wandelt sich ständige akademische Weiterbildung im Sinne des lebenslangen Lernens von einer Möglichkeit zur Vermeidung von Lebensrisiken zu einem Zwang, von der Option zur Obligation. Damit einher geht auch die Entwicklung der Employability, die nicht mehr als Berufsfähigkeit, also Vorbereitung auf einen Beruf durch ein universitäres Studium, sondern als Beschäftigungsfähigkeit, also auf die Lebensspanne zielt: Vom ‚lifetime employment’ zur ‚lifetime employability’. Das Aufweichen traditioneller Biographiemuster im Zuge der Modernisierung gehört mittlerweile zur weit verbreiteten Erfahrung. Biographien sind durch Unterbrechungen und Veränderungen, durch Neuorientierungen und Umstellungen gekennzeichnet sind, und ihnen wohnt das permanente Risiko des Abgleitens oder Abstürzens inne (vgl. (Beck, Giddens, & Lash, 1996). Für die Qualifizierung bedeutet das: sie ist nie wirklich abgeschlossen. Auch hier besteht ein Druck auf Hochschulen, Bildungsprozesse verstärkt als episodisch und nicht als einmal und für immer abgeschlossen zu betrachten.

 

Zusammenfassend sind folgende Aspekte der Qualifikationsentwicklung zu beobachten, die auf die Hochschule der Zukunft wirken:

  • Qualifikationen werden immer unvorhersehbarer.
  • Fachliche Qualifikationen unterliegen einer raschen Entwertung.
  • Es gibt keinen fixierten Wissensbestand (body of knowledge) mehr.
  • Es findet eine weitgehende Entkoppelung von Arbeit und Qualifikation statt.
  • Es ist eine zunehmende Entgrenzung von Qualifikationen und Qualifizierung zu beobachten.
  • Lerninhalte werden globaler.

Damit wird ein Wandel von der Vorstellung des Studiums als Ziel und Voraussetzung für das Berufsleben beschrieben, hin dazu, akademische Bildung als ein episodisches Muster in einer Biographie zu verstehen.

 

3. Hochschule der Zukunft

Legt man die geänderten Rahmenbedingungen in einer Bildungsgesellschaft zugrunde und den Änderungsdruck, der auf akademische Qualifizierungsprozesse wirkt, so ergeben sich auch für Hochschulen neue Anforderungen an ein modernes, weiterentwickeltes Hochschulmodel. Die folgenden Aspekte (Tabelle 1) sind das Ergebnis eines Gedankenexperiments und sicher nicht vollständig, zeigen aber den Entwicklungskorridor auf, in den Hochschulen sich derzeit befinden. Die Hochschule der Zukunft wird sich entlang dieser Profilpunkte ausrichten müssen.

 

 

 

Dimension

Modernes, jetziges

Hochschulmodel

Postmodernes, zukünftiges

Hochschulmodel

von…… (möglicher Entwicklungspfad) ……zu

Abschlüsse Ziel ist das Erreichen eines klar definierten Gesamtabschlusses für das Studium, dabei werden die Abschlussbezeichnungen hoheitlich von der Hochschule vergeben.

 

Das Studium setzt sich aus kleinen Studieneinheiten zusammen, die auch von unterschiedlichen (Hochschul-)Anbietern kommen können.

Es wird mehr Kurzformate geben, mehr Zertifikatskurse, mehr Kontaktstudienmöglichkeiten, mehr Short-Courses geben. Daras entstehen Patchwork-Studienverläufe, die dann zu größeren Abschlusszertifikaten, wie bspw. einem Studienabschluss, zusammengefügt werden können und von einer Hochschule zertifiziert werden können.

Anerkennung vorheriger Kenntnisse & Erfahrungen Anerkennung möglich, aber wenig tatsächliche Anerkennungspraxis Viel Anerkennungspraxis, Hochschulen entwickeln professionelle Prozesse für Kompetenzdiagnose und die Anerkennung von Vorleistungen und Erfahrungen
Zertifizierung Lehre/ Vermittlung (Tutoring, Lehrveranstaltungen) und Prüfung und Zertifizierung sind gekoppelt im Rahmen einer Institution Lehre/ Vermittlung (Tutoring, Lehrveranstaltungen) und Prüfungen und Zertifizierung (Abschlussprüfung) sind entkoppelt und können von verschiedenen Institutionen durchgeführt werden
Studienpfad/ Taktung Studienverlauf ist durch Modul- und Prüfungsplan in der Studienordnung klar und nur mit geringer Flexibilität vorgegeben

Studium ist anhand von Zeiteinheiten strukturiert (ECTS)

klare Unterscheidung von Teilzeit und Vollzeitstruktur

Studienverlauf ist flexibel und durch große Wahlbereiche bestimmt

Studium ist anhand von inhaltlichen Kriterien strukturiert

flexiblere, individuelle Zeitstruktur

mehr berufs- und lebensbegleitende Modelle

Curriculum

 

Im Studium sind klar definierte Qualifikationsziele vorgegeben, die für alle Studierenden gleichermaßen gelten und aus denen die Inhalte und Methoden der Module im Studienverlauf abgeleitet werden.

Berufsprofile werden als normatives Paradigma für Studieninhalte herangezogen.

Studieninhalt ist zunehmend orientiert an langfristiger Beschäftigungsfähigkeit und an individuellen Bildungszielen, Interessen und Bedürfnissen.

Im Vordergrund stehen mehr grundlegende Handlungskompetenzen und die Befähigung zum Umgang mit übergreifenden Fähigkeiten.

Ein Methoden- und Inhaltskanon ist an Fakultäten und Disziplinen orientiert. Das Curriculum ist an zentralen Problemstellungen eines Praxisfeldes orientiert

Die Problemorientierung bedingt eine stärker interdisziplinäre Ausrichtung

Wenige digitaler Import von Curriculum Viel digitale Kooperation und digitaler Import und Export zwischen akademischen Institutionen
Wissenschafts-/ Hochschul-struktur Hochschulen sind in disziplinäre Einheiten, die Fakultäten strukturiert, sie sind inhaltlich maßgebend und für das Studium strukturgebend. Hochschulen sind stärker durch interdisziplinäre / transdisziplinäre Kooperationsformen organisiert

Das Studium ist stärker anhand von übergreifenden Fragestellungen und interdisziplinären / transdisziplinären Arbeitseinheiten organisiert.

Lernmodell

 

Lernen folgt prinzipiell einer Vorstellung eines Wissensgefälles, welches es auszugleichen gilt.

Die Lehre ist Expert/innenorientiert

Professor/innen organisieren Wissenstransfer

Lernen folgt der Vorstellung, dass Studierende und Lehrende eine Lerngemeinschaft bilden (Renaissance des Ideal der Universitas)
Prüfungsorientiertes Lernen: Lernen ist auf Prüfungen ausgerichtet

Studium folgt der Vorstellung, dass es darum geht, die Hürde der Zertifizierung zu überwinden

Viele Prüfungen für detaillierte Modulstruktur

Die Lernerfahrung steht im Mittelpunkt, die sich aus eigenen Interessen und selbstentwickelten Fragestellungen speist.

Prüfung finden in größerem Rahmen zu übergreifenden Themen und Kompetenzen statt

Übergreifenden Kompetenzen aus größeren Zusammenhängen steht im Vordergrund

Prüfungen Viele Prüfung, an Modulen orientiert, oft eher auf Reproduktion von Wissen hin orientiert Prüfungen sind kompetenzorientiert, finden in größeren Abständen und Einheiten statt, decken größere Gebiete ab.
Organisations-rahmen Institutionelle Struktur: Eine Hochschule fungiert als Studienort/ -anbieter Institutionelle Vielfalt: Mehrere akademische Institutionen sind beteiligt

Studierender organisiert Studienrahmen und flexibles und an Bedürfnisse angepassten Studienprozess

Reputation Die Reputation der Hochschule bestimmt Wert des Abschlusses auf dem Arbeitsmarkt Studierende dokumentieren ihre Fähigkeiten und Erfahrungen eher in Assessments, auch durch qualitative Elemente, wie bspw. auch Portfolios

Der Wert des Hochschulabschlusses orientiert sich vor allem auch am Praxisbezug des Studiums, den dort gemachten und dokumentierten Erfahrungen und demonstrierter Handlungskompetenz

Durchlässigkeit Zwischen Schule, Berufsausbildung und Hochschule existieren klare Schwellen zwischen akademischen und nichtakademischen Programmen

Die Durchlässigkeit ist nicht durchgängig gegeben

Durchlässiges Kontinuum zwischen den Bildungsbereichen Schule, Berufsausbildung und Hochschule und den jeweiligen anschlussfähigen Bildungsniveaus der nationalen und Europäischen Qualifikationsrahmen

 

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Curriculum 4.0 – Wie soll das Hochschulstudium der Zukunft aussehen?

Bei der Frage der Zukunft unterscheidet Niklas Luhmann zwei Aspekte, nämlich gegenwärtige Zukünfte – also Projektionen, etwa in Gestalt von Utopien – und zukünftige Gegenwarten in Gestalt von technologischen Orientierungen, kausalen oder stochastischen Verbindungen zukünftiger Ereignisse. Heute nehme ich an einem Workshop an der DHBW Karlsruhe teil, der von meinen  Kollegen Prof. Daniel und Prof. Rath aus der Wirtschaftsinformatik und Judith Hüter und Dietmar  Bender organisiert wird. Hier geht es also um einen Beitrag zu einer zukünftigen Gegenwart. 🙂

Es geht um nicht weniger als die Frage, wie Digitalisierung die Hochschulen verändern. Sehr spannend!   Die Hochschule der Zukunft wird sich in Organisationsstruktur und Arbeitsweise ändern müssen, will sie den geänderten Rahmenbedingungen einer Gesellschaft Rechnung tragen, in der akademischen Bildung die normalbiografische Erfahrung der Mehrheit einer Alterskohorte ist. Der Megatrend der gesellschaftlichen Entwicklung hin zu einer Bildungsgesellschaft mit all ihren Erscheinungsformen wird durch einen zweiten gesamtgesellschaftlichen Megatrend verstärkt, den der Digitalisierung. In beiden Entwicklungen sind eine Reihe von Ursache-Wirkungsbündeln enthalten, die in ihren Auswirkungen starken Einfluss auf die Entwicklung der Hochschule der Zukunft nehmen.

Das Projekt, welches den Workshop gestaltet heisst DigiTransMoBiL. Mehr zum Projekt hier. Das Workshopprogramm ist hier: 2017-08-28_Poster_fuer_Workshop_im_September

In den Unterlagen steht dazu folgendes: DigiTransMoBiL istworksop.jpg ein vom Stifterverband der Carl Zeiss Stiftung gefördertes Projekt im Studiengang Wirtschaftsinformatik der DHBW Karlsruhe. Ziel des bis Ende 2018 laufenden Projekts ist die curriculare Erweiterung des Studienangebots um aktuelle Inhalte aus den Bereichen Digitalisierung und Industrie 4.0 sowohl unter technischen, als auch betriebswirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Gesichtspunkten. Weiteres Ziel ist die Verbesserung der Lehre durch innovative Lehrmethoden wie dem Inverted Classroom Model, E-Learning und Blended Learning. Inhaltlich knüpft das Projekt dabei an das Symposium Wissen 4.0 sowie eine im Jahr 2016 durchgeführte Benchmarkingstudie mit dualen Partnerunternehmen an.

Kern des Projekts ist die inhaltliche Überarbeitung der aufeinander aufbauenden Module Entwicklung verteilter Systeme und Neue Konzepte der Wirtschaftsinformatik. Dabei sollen die im Modul Entwicklung verteilter Systeme angesiedelten Vorlesungen Webprogrammierung und Verteilte Systeme inhaltlich erneuert und auf das Inverted Classroom Model umgestellt werden, da somit mehr Raum für praxisbezogene Übungen und den Erwerb wesentlicher Kompetenzen geschaffen wird. Dies bildet die Grundlage für das Modul Neue Konzepte der Wirtschaftsinformatik, in dem spezielle Themen der Digitalisierung und Industrie 4.0 durch flexibel einsetzbare Modulbausteine vertieft werden sollen. Hierbei wird eine flexible Gestaltung des Curriculums angestrebt, indem es ermöglicht wird, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen und tagesaktuelle Themen aufzugreifen.

Die  Materialien, die zur Lehre in dem Projekt erstellt werden, sollen auf einer DHBW-weiten Lernplattform zur Verfügung gestellt werden, um somit den Austausch zwischen den Standorten und Studiengängen zu fördern. Langfristig wird auch eine Veröffentlichung als Open Educational Ressources angestrebt.

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Emerging Professional Higher Education in Mozambique and South Africa

First results from a Euro-African  partnership

csm_LaTFURE_Logo_f73018b360I am currently visiting Mozambique and work with the Ministry of Education and a consortium of 12 Universities of South Africa and Mozambique which are interested to develop professional higher education.

From our university we were invited by the project Latfure (https://wordpress.com/page/ulf-ehlers.net/30) to share our experiences with our dual study model at the Baden-Wurttemberg Cooperative State model (www.dhbw.de) which is Europe’s largest dual mode university and where for the past six years I have been serving as Vicepresident. I am here with my colleagues Nicole Graf and Raimund Hudak from our Heilbronn Campus.

I find that there is a big interest in professional higher education, and that Mozambique is very much looking to the turn from student success rates as indicator of quality in universities to employability as quality indicator. That is why we have discussed the experiences which we made in Europe with the development of professional higher education. I brought in several presentations and interventions our experiences from Germany (DHBW – www.dhbw.de) and from Europe, especially from my experiences from working with EURASHE (www.eurashe.eu)

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Important results from our research project HAPHE came up again: Read the final REPORT incl. the framework for professional higher education. For any further information please contact me or my colleague Raimund.

Some key points came up which I would like to share here:

  1. Professional higher education (PHE) is our mission in higher education anyway, and not another paradigm: the term dual studies, integrated studies or practice integration turns out to be not useful for our discussion. It too much hints at a systems-change which is NOT necessary. A bit as if it is necessary to invent another higher education system for bringing in more professional orientation. So, during the discussions we brought up the idea that it might be useful to think about the integration of more practice/ professional elements into higher education in terms of a continuum. With more or less elements oriented to integrating professional experiences into higher education.
  2. Work placements are the start, and they are a GOOD start: it is clear: Every academic program can be enhanced through elements of PHE. One which is already in place at some curricula at the Universidad Eduardo Mondlane in Mozambique is a work placement for students during the last semester. We suggested to intensify this element and to integrate more placements, maybe also in an earlier stage of the study program already. Also important it is to integrate moments of reflection into the academic program, where students are ask to present what they learned during their practice exposure. Only then, it can become an integrated experience and contributes to academic learning. A third element is integrating of regular assignments and assessments during the practice phase. This is an element which is already marking a high degree of integration because it means that students are actually asked to integrate an academic exercise from their university during their work placement
  3. Find peers from the world of work to come to the table – representing the world of work in higher education is eminent important: An additional element of professional higher education is to invite representatives from the world of work or from a body representing the world of work (chambers of commerce, e.g.) to the table. Universities can do so by means of setting up an advisory board or organising regional workshops to invite the opinions from companies and practice organisations. It is important to extend an invitation – in order to create trust and foster mutual understanding and valuing each other’s contributions.
  4. PHE is not only for the well-developed professions but can integrate also informal and emerging professions: It has been a big point of discussion, if professional higher education can also be beneficial for those sectors in African economy which are characterised very much through emerging and informal professions. In Mozambique, it is estimated that approx. 60% of the economy is working in an informal not regulated economy (the small fisher, the tradesperson on the street, etc.). How to bring this into a meaningful academic program. We strongly believe and argued that this is possible. And it might be a breakthrough to view it like that. Because that means that also the small and hidden professions in Mozambique and South Africa can be addressed, for example with start-up programs.

Many things remain to be worked out. But for that – we have the project LATFURE. And the Latfure project will provide regular updates in our discussing and pogress: (https://wordpress.com/page/ulf-ehlers.net/30)

 

 

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Empört Euch!  Die AfD ist eine Alternative von gestern

headre-ulf-web-wasserWie so viele treibt mich die Diskussion, um die Bundestagswahl um. Und das Entsetzen, dass eine so nationalistisch und rechtsorientierte Partei wie die AfD tatsächlich so ernsten Zuspruch findet. Auf vielen Politikfeldern bietet sie keine Alternative und vor allem keine zukunftsfähige Alternative für Deutschland an, sondern ist wirklich eine Alternativen von gestern, wie Tilman Steffen am 8.9.2017 in seinem ZEIT Kommentar schreibt.

Ich selber bin als Wissenschaftler an weit über 50 EU Forschungs- und Entwicklungsprojekten beteiligt (gewesen), um einen Europäischen Hochschul- und Bildungsraum auf- und auszubauen. Ich bin überzeugt, dass die Europäische Einigung der richtige Weg ist und dass dieser bei der Kultur und einer gemeinsamen Bildungsidee anfängt, und eigentlich nicht erst bei einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik. Daher stehe ich für Europäische Integration durch Zusammenarbeit und Dialog und engagiere mich dabei. 

Da mich die Argumentation von Steffen überzeugt, gebe ich sie hier in Kurzform wieder: Mit Gauland, Meuthen, Steinbach, Farage und Weidel werben überholte Funktionäre für ein Europa der Vergangenheit. Ihnen fehlen die zukunftsfähigen Ideen. Die AfD strebt ein nationalistisches Deutschland an, das zeigt sich deutlich wie nie, wenn Vorstandsmitglied Alexander Gauland die türkischstämmige Integrationsministerin Özoğuz nach “Anatolien entsorgen” will. Oder wenn Erika Steinbach vor Hunderten Zuhörern für die AfD wirbt, eine Rechtsradikale, die durch den Austritt aus der CDU ihrem Ausschluss zuvorkam.

Tillmann Steffen sagt zurecht, dass die außenpolitischen Ziele der AfD nur ins Gestern passen, sie stemmen sich gegen den europäischen Wandel der vergangenen Jahrzehnte: Die Partei wünscht sich ein Europa souveräner Nationalstaaten. Nicht nur internationale Vereinbarungen und Handelsabkommen, auch die europäische Integration in Wirtschaft und Politik will sie rückabwickeln. EU-Kommission, europäisches Parlament, die Idee einer gemeinsamen europäischen Armee, Synergieeffekte zwischen den Ländern – all das würde mit der AfD hinfällig.

Man muss wissen: In der AfD-Welt würden Grenzposten die Bundesgrenze sichern, Landesverteidigung würde wieder zur allein nationalen Angelegenheit, rekrutiert würden die Truppe mittels der wiedereingeführten Wehrpflicht. Zusätzlich gäbe es Heimatschutzeinheiten oder ein Milizsystem, denn wie die AfD glauben machen möchte, steht der Feind seit der Flüchtlingskrise bereits im Land. Bundeswehreinsätze im Ausland, etwa in Krisenregionen, würden unmöglich, da sie zuvorderst “fremden Interessen” dienen.

 Die AfD will die historisch gewachsene West-Orientierung Deutschlands aufgeben. Ich finde diese hingegen sehr wichtig. Wegen kultureller Unterschiede lehnt sie einen Beitritt der Türkei zur EU ab und will die Verhandlungen darüber abbrechen. Letzteres vertritt zwar mittlerweile selbst der SPD-Kanzlerkandidat, aber wegen der zu Tage getretenen Rechtsstaatsprobleme in dem Land – nicht, weil die Türkei kulturell nicht zu Europa passe. Ein wichtiger Unterschied!

Und auch darauf weist Steffen zurecht hin: Natürlich ist nicht alle gut gelaufen seit Gründung der EU –  wirtschaftlich schwache Staaten wurden in die Eurozone aufgenommen, wider besseres Wissen. Der notwendige Bürokratieabbau verschleppt sich seit Jahren. In der Flüchtlingskrise gelang es Schrittmachern wie Merkel nicht, alle EU-Mitglieder zur Solidarität zu bewegen.

Doch AfD-Politik würde Deutschland in die 1950er Jahre zurückwerfen, eine Zeit ohne einheitlichen europäischen Binnenmarkt, ohne Schengen-Freizügigkeit, ohne akademischen Austausch.

Eine Partei, die Rechtsradikale für sich werben lässt, hat keine Zukunft.
Für mich persönlich ist es in den letzten Jahren und Monaten wichtiger geworden, hierzu klare Stellung zu beziehen, und es nicht eine vagen Hoffnung zu überlassen, dass „es schon gut gehen“ wird und die AfD dank einer generellen Einsicht nicht gewählt wird. Insofern hat mich der Bundestagswahlkampf 2017 politisiert. Ich schaute in den letzten Wochen tatsächlich AfD Wahlkampfauftritte auf Youtube an, um nicht selber der manchmal ja tendenziösen und gefärbten politischen Berichterstattung der Zeitungen zu erliegen, aber ich weiß heute ganz sicher: Diese Partei ist keine Alternative für Deutschland. Es sind angstorientierte und rückwärtsgewandte Argumentationen, die immer genau einen Schuldigen haben: Migrant/innen.

Und mit Tillmann Steffen möchte ich bekräftigen: Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass auch die AfD-Anhänger/innen, die heute Gauland, seiner AfD-Kollegin Weidel, Steinbach, Farage und all den anderen Wahlkämpfern zujubeln, irgendwann merken, dass sie in einem Nationalstaat nach AfD-Entwurf gar nicht leben wollen.  Denn ein solcher Staat nach AfD Vorstellungen würde uns und unsere Kinder einengen. Sie verstehen besser, dass die Vorteile europäischer Integration die Nachteile überwiegen und dass gesellschaftlicher Wandel nichts Verwerfliches ist. Kinder, die kein Verständnis mehr haben für die Höckianer, die Hetzreden halten. Kinder, die sich nicht an Minaretten stören.

Ich habe das Privileg gehabt, 2010 noch Stephan Hessel kennen zu lernen, den französischen Autor, KZ-Überlebenden und früheren Widerstandskämpfer, der 2013 mit 95 Jahren gestorben ist. Er hat an der Menschenrechts-Charter mitgeschrieben und sein Leben lang genau diese Werte hochgehalten. Der einstige Widerstandskämpfer und KZ-Überlebende wurde 2010 mit den beiden Essays Empört euch! und Engagiert euch! weltweit bekannt. Und genau darum ist es mir wichtig, mich zu empören!

Download “Empört Euch” von Hessel:
http://jerome-segal.de/empoert_euch.pdf

Der von mir genutzte vollständige Originalartikel von Tillmann Steffen ist hier zu finden:
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-09/nigel-farage-beatrix-von-storch-afd-berlin-wahlkampf/komplettansicht

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Der duale Partner Award 2017 – vollständige Laudationen

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Heute wurde  im König Karl Saal in Stuttgart der Duale Partner Award 2017 erstmalig und sehr feierlich verliehen. Die Preisverleihung stand unter der Schirmherrschaft von Ministerin Teresa Bauer, die auf der Veranstaltung nebst Dr. Wolf, Vorsitzendem von Südwestmetall und meinem ehemaligen Kollegen Prof. van Zyl ein Grußwort sprach.

csm_Award_6370f07ac0Die Vorgeschichte des Preises geht bereits einige Zeit zurück, auf meine Arbeit als Vizepräsident der DHBW. im Jahr 2014. Damals haben wir im Rahmen des Qualitätsentwicklungsprozesses das Konzept zum Preis entwickelt und das erste Konzept für eine Auszeichnung der Praxisstudienkonzeptionen ausgedacht. Beteiligt waren zunächst Friederike Leisener und ich. Später wurden wir in der Umsetzung von der DHBW Hochschulkommunikation, vor allem meiner sehr geschätzten Kollegin Bärbel Renner, unterstützt und schließlich vom DHBW ASTA, der zusagte, den Preis für die Hochschule zu finanzieren. Ein sehr gelungenes und wirklich tolles Projekt. Als Sponsor hat die Preisverleihung dann noch der Arbeitgeberverband Baden-Württemberg unterstützt.

Kompetenzen_rundDer „DHBW Dualer Partner Award“ zielt darauf ab, „Best Practice“ Beispiele bei der Gestaltung der Praxisphasen sichtbar machen. Er wird an Duale Partner verliehen, die ein besonders überzeugendes Konzept zur Gestaltung des Studiums in der Praxis entwickelt haben. Ein Konzept, mit dem Studierende eine ausgeprägte Sach-, Methodenkompetenz sowie soziale und personale Kompetenz erwerben. Die daraus resultierende übergreifende Handlungskompetenz zeichnet die Absolventen/-innen der DHBW in besonderer Weise aus.

Für uns war wichtig, Qualitätskultur im Partnerschaftsmodell der DHBW zu fördern. Es geht dabei darum, dass das Spiel  umzudrehen Und eine aktiv gelebten Qualitätskultur zu unterstützen,  nicht mit Verordnungen, Regeln und Rahmenbedingungen, sondern eine Diskussion über Werte  – wie funktioniert eine gute Unterstützung von Studierenden, was wollen wir dabei – welche Werte und welche Bildungskonzeption ist uns wichtig? Was ist Employability und was ist gute duale Bildung und wie wird sie erreicht? Daher war es wichtig, dass wir einen möglichst weiten Rahmen in der Ausschreibung gesetzt haben, und Bewerbungen angefragt haben, in denen es vor allem um die Unterstützung von Handlungskompetenzen der Studierenden geht. Die dualen Partner haben dieses Konzept vollständig aufgegriffen. Die Interviews mit den Preisträgern waren beeindruckende Statements, die von innovativen Bildungskonzeptionen zeugten und einem sehr tiefen Verständnis dafür, junge Menschen als Persönlichkeiten zu sehen und in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Und es kamen sehr viele Einreichungen. Weit mehr als wir zuvor gedacht hatten: 120 Bewerbungen. Glücklicher- und dankenswerter Weise hat sich unsere Jury dazu bereit erklärt in tagelanger Arbeit die Einreichungen auszuwerten. Und dann, am 10. Juli 2017 war es soweit, der  große Tag war da:

17 nominierte Duale Partner und 200 Gäste waren angereist, und stellten seit dem morgen um 9 Uhr ihre Konzepte auf großen Postern vor. Sieben von den 17 erhielten dann einen Preis. Grußwort von Ministerin Bauer, Keynote von Dr. Wolf, Preisverleihung durch mich, als Vizepräsident a.d.

Herzlichen Glückwunsch!! Hier finden Sie die vollständigen Würdigungen im Wortlaut, wie sie heute in den Laudationen von mir vorgetragen wurden.

Den glückliche Gewinnern sieht man die Freude über den Preis an.

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Aber natürlich ist allen Teilnehmern zu danken und allen Nominierten zu gratulieren! Sie alle haben großartige Arbeit geleistet und das Praxisstudium auf besondere Weise ausgestaltet. Insgesamt waren es 17 nominierte duale Partner, denen ich hier noch einmal herzlich gratuliere:

  1. AOK: „Konzept zur fachpraktischen Ausbildung der dual Studierenden des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit im Gesundheitswesen“
  2. Arbeiterwohlfahrt „Ausbildung mit Pfiff!“
  3. Liebherr: „Jeden Tag ein Stück besser – Das DHBW-Studium nicht als Insel im Unternehmen, sondern als Teil des Ganzen“
  4. Putzmeister: “The path for a successful self-made (wo-)man”
  5. Progress-Werk Oberkirch: “Progress. Now. Zukunftsorientiertes Studium bei der Progress-Werk Oberkirch AG“
  6. Testo: „Lernen im Herzen der Wertschöpfung – Testo-Durchstarter“
  7. ABB Training Center: „Wir entwickeln Persönlichkeiten“
  8. Airbus: „Vermittlung übergreifender Handlungskompetenz“
  9. Hewlett Packard Enterprise: „Selbstgesteuerte Kompetenzentwicklung von dual Studierenden im Unternehmen Hewlett Packard Enterprise“
  10. DLCON AG: „Duales Studienkonzept der DLCON“
  11. Protema: „Studien- und Lernzielkonzept von PROTEMA“
  12. Karl Otto Braun „Becoming a Pioneer”
  13. Schmalz: „Vielfalt erleben, Stärken entdecken – das bewegende Duale Studium bei Schmalz“
  14. VR Bank Südpfalz: „Aufbau übergreifender Handlungskompetenz bei der VR Bank Südpfalz eG“
  15. IBM: „Die Erfolgsbausteine des dualen Studiums bei IBM“
  16. Roche: „Personalisierte Ausbildung“
  17. Sonderpreis Internationales:  Fischewerker„In der Welt zu Hause. Im Schwarzwald daheim“

Allen Beteiligten nochmal ein herzlichen Dankeschön, Gratulation und viel Glück!

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Der erste Preis geht an… 

Heute findet sie statt: die Preisverleihung für den ersten Dualen Partner Award. Über 120 Bewerbungen, 17 Nominierte, und heute die Preisübergabe. In feierlichem Rahmen im König Karl Saal in Stuttgart. Ich bin froh, dass dieses tolle Projekt jetzt zum krönenden Abschluss kommt nachdem wir vor mehr als 2 Jahren mit den ersten Planungen begonnen haben. Ich freue mich sehr auf die Übergabe der Trophäen an die Gewinner heute, im Beisein und unter der Schirmherrschaft von Ministerin Theresia Bauer und mit 200 Gästen aus Hochschule, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

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Abschied von der DHBW: Eine Abschiedsrede

Am 17. Mai in diesem Jahr beging ich einen für mich sehr emotionalen Moment, meine Abschiedsfeier in der DHBW. Die Feier war sehr schön und die Rede, die ich dort hielt möchte ich hier in Auszügen zur Verfügung stellen, da viele Kolleginnen und Kollegen darum gebeten haben.

Es ist gar nichts Besonderes, sich aus einem auf Zeit begrenzten Amt zu verabschieden. Es gehört zur Logik und Normalität einer Hochschule, dass ein Vizepräsident kommt und dann – am Ende seiner Amtszeit – dieses auch wieder beendet. So ist es vorgesehen, einerseits, um die Person zu schützen, die ein solches Amt bekleidet, andererseits – und gerade bei Wahlämtern – aus dem Prinzip der Demokratie, bei dem der Wechsel in Führungsämtern zur eingeübten Praxis gehört. Die die DHBW als „Hochschule auf dem Weg“ nun auch einübt.

Ich weiß noch, wie ich damals das erste Mal durch eben jene Türen Schritt, und versuchte, zu verstehen, was das eigentlich ist, das „DHBW Präsidium“. In dem ich nun fortan arbeiten sollte. Und dann der Moment, in dem ich verstand:  Das es die eigentliche Frage an der DHBW war – zu verstehen, was das eigentlich ist – die „Standorte“! Zunächst einmal ist das ja nur ein abstrakter, ein organisationstheoretischer Begriff, genutzt zur Strukturierung, um die Teile eines komplexen Systems zu bezeichnen – „Standorte“. Und ich erinnere mich, wie ich dann mehr und mehr dahinter stieg, dass es hinter diesem Begriff das Eigentliche an der DHBW zu entdecken gab.

Das war der Beginn einer intensiven Lernreise. Die sich genau darum drehte: die „Standorte“ und das „Präsidium“. Eine Reise, die bis heute andauert. Eine Reise um die Grundbegriffe der DHBW. Auf dieser Reise gab es viel zu erfahren. Was zum Beispiel ein sternförmiger Aktenvermerk ist. Und die Meyer-Vorfeldsche Laufleiste. Dinge, über die ich mir nie zuvor Gedanken gemacht hatte, und bei denen ich mir immer noch nicht sicher bin ob es dabei einen tieferen Kern zu ergründen gibt. War ich zuvor sehr auf Inhalte konzentriert, lernte ich nun, dass man auch die Form betonen kann. Und obwohl wir seit Hegel wissen, dass Inhalt und Form ohneeinander nicht können, wissen wir auch, dass die beiden sich helfen müssen – eher wie Geschwister und nicht wie Fremde.

Aber das Eigentliche auf meiner Lernreise war etwas Anderes: Das Konzept der Identität und ihrer vielen Schattierungen. War mir zunächst die DHBW als eine Hochschule erschienen, also mit einer Identität belegt, so wurde zunehmend klar, dass es sich eigentlich um eine Organisation mit ganz unterschiedlichen Teil-Organisationen – den „Standorten“ – handelte, die alle für sich ganz unterschiedliche Kulturen, Arbeitsweisen und wunderbare Besonderheiten aufweisen, also eigentlich unterschiedliche Identitäten, die in dem Identitätsbündel, das ich mir als DHBW vorstellte zusammenkamen. Und so kann die Geschichte der DHBW auch als das Spiel verschiedener Identitätspolitiken verstanden werden, wie sie etwa durch Max Horkheimer, Theodor Adorno oder Jacques Derrida beschrieben werden. Solcher Identitätspolitik nämlich der Standorte und solcher Identitätspolitik des Präsidiums.

In der politischen Soziologie würde man die Identitätspolitik eines Präsidiums als Versuch verstehen, die Hochschule auf die Verwirklichung einer vermeintlichen, in ihrem Wesen liegenden Norm zu verpflichten. Die DHBW Norm gewissermaßen. Die Identitätspolitik der Standorte hingegen entwickelt – nach der Lehre der politischen Soziologie – emanzipatorische Forderungen. Dabei geht es darum, sich selber zu repräsentieren und den von außen auferlegten Zuschreibungen (also der DHBW Norm) eine Selbstdefinition entgegenzusetzen. Das Überwinden dieser beiden Positionen ist das Grundthema der DHBW.

Die „Standorte“ und das „Präsidium“ – Begriffe und Realitäten, über die es viel zu lernen gab, auf dieser Reise. Und die auch im Zentrum der aktuellen Debatte stehen. Und übrigens: Dass ich als letztes hauptamtliches Vorstandsmitglied zwei Präsidien angehörte, die ganz unterschiedliche Auffassungen zu dieser Frage hatten, war und ist zugleich spannend. Es ließ mich nicht schizophren zurück, sondern ist vielmehr Ausdruck davon, dass es nicht von vornherein die eine gültige Antwort zu dieser Frage gibt.

Und zuguterletzt möchte ich noch einen Gedanken hinzufügen, der mir in all der Zeit immer wichtiger geworden ist:

Eine wichtig Figur der amerikanischen Hochschullandschaft, Thomas Rhodes, hat am Ende seiner 19 jährigen Präsidentschaft der Cornell University seine Lehren und Gedanken in einem wichtigen Buch formuliert. Es trägt den Titel: „The Creation of the Future“. Er beschreibt dort, dass es in akademischen Institutionen die Gefahr besteht, sich in all den Gremiensitzungen und Kommissionen aushöhlen zu lassen, und dass es wichtig ist, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Denn – so Rodes – unser Auftrag ist es nicht, Fachexperten auszubilden, sondern junge Menschen zu befähigen mit Begeisterung und Kreativität Lösungen für die großen gesellschaftlichen Fragen zu finden, ihr Interesse am Gegenstand zu fördern, aber auch die Reflexion der eigenen Person und Identität und die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Sie dabei zu begleiten, Verantwortung zu übernehmen für die Zukunft der Gesellschaft.

 

Rhodes schreibt:

„The greatest catastrophe facing universities today, is loss of community: “Without community, knowledge becomes idiosyncratic. The lone learner, studying in isolation, is vulnerable to narrowness, dogmatism, and untested assumption; pursued in community, learning will be expansive and informed, contested by opposing interpretations, leavened by differing experience, and refined by alternative viewpoints.”

 

Der DHBW wünsche ich diesen „Sense of Community“ immer weiter zu entwickeln. Er ist die Essenz, die uns die Kraft gibt, den Himmel nicht als das Limit unserer Bestrebungen zu sehen. Nur als den Anfang. Ihnen allen – ganz persönlich – wünsche ich, den Mut zu haben, hinter den großen Brocken, über die wir streiten immer wieder den Boden der Gemeinschaft zu sehen, auf dem wir alle miteinander stehen. Es lohnt sich, für uns selbst, für die DHBW, für unsere Studierenden und die Gesellschaft, dafür zu kämpfen.

Manchmal mag man sich vorkommen, wie Sisyphos. Doch auch wie bei ihm liegt der eigentliche Wert vielleicht gar nicht im Erreichen eines absoluten Zieles, sondern darin, den Horizont immer ein Stück weiter herauszuschieben und neu zu erfinden. In seinem wichtigsten philosophischen Werk „Der Mythos des Sisyphos“ beschreibt der große Philosoph und Dichter Albert Camus es mit diesem Satz: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“ Und er beschreibt Sisyphos als den wahren befreiten Menschen.

 

Manuskript zum Download: Abschiedsrede-veröffentlicht

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