Stillstand und Blickwechsel: Perspektiven auf die Coronazeit

Kultur lebt durch das Zusammenspiel zwischen den Inszenierenden und dem Publikum, dieses Zusammenspiel fällt nun weg. Überhaupt fällt vieles weg, was unser Leben vorher ausmachte. „Der Wert des Lebens ist das höchste Gut“, wie Nikloaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, in seiner Videobotschaft zur aktuellen Lage und der Kultur in Coronazeiten sagt. „Alles, worauf wir unser Leben, unsere Arbeit gründen, allem ist der Boden entzogen.“ Und ja – es stimmt: Die Stimme der Kunst und der wells-theatre-210914_1920Kulturschaffenden wurde durch die Ausnahmesituation zum Schweigen gebracht. Die wichtige Funktion der Kunst, Zweifel zu wecken, Fragen zu stellen und ein Spiegel gesellschaftlicher Situationen zu sein, das unterliegt derzeit einer Generalpause. Und wie immer, wenn etwas schweigt hört man es am lautesten. Und so stellt sich nun die Frage nach der eigentlichen Bedeutung von Kunst und Kultur für die gesellschaftliche Entwicklung – gerade jetzt und geradezu laut. Und genauso stellt sich diese Frage auch für die mit der Kultur wie mit einer Schwester unaufhebbar verbundene Bildung, der es derzeit ähnlich geht.

Diese Rede von Bachler hat mich inspiriert, weiterzudenken.  Über die tieferen Zusammenhänge zwischen Bildung und Kultur, die – durch die Pause, die Corona-Pause – sichtbar gemacht werden, nachzudenken.

Aufgrund der massiven Einschränkungen, die durch das Coronavirus getroffen werden mussten, muss sich das Leben von Grund auf neu strukturieren. Das betrifft jeden einzelnen, denn der aktuelle Stillstand durch die Pandemie ist nicht auf Gebiete, Wohnraum- oder nationale Grenzen beschränkt. Und neben der wichtigen Frage, wo nun Missstände sichtbar werden, ist es mindestens genauso wichtig zu verstehen (und – so behaupte ich für Kulturschaffende und alle im Bildungsbereich aktive, sogar eine Pflicht), dass mit der derzeitigen Krise auch neue, geschärfte Blickwinkel möglich sind. Welche Fragen dieser Stillstand nun aufwirft und welche Möglichkeiten vielleicht eröffnet werden, ist das Thema des Folgenden Textes.

Kultur kann nicht ohne Bildung und Bildung – als Weltaneignung und Weltgestaltung  verstanden –  ist wiederum ein Akt der ‚Enkulturalisierung‘. Die Bildung dient also der Gesellschaft und dem gesellschaftlichen Teilsystem Kultur. Sie bedeutet zugleich kulturelle Teilhabe, also Befähigung zu Partizipation am kulturellen Geschehen, einer Gesellschaft im Allgemeinen, und an ihren Lebens- und Handlungsvollzügen im Besonderen. Bildung gehört zu den Voraussetzungen für ein geglücktes Leben in seiner personalen und gesellschaftlichen Dimension.

Kultur und Bildung sind stets aufeinander bezogen – durchaus auch kritisch.

Im weiteren Sinne meint Kultur die jeweils typischen Erscheinungen in der Gesamtheit der Lebensvollzüge einer Gesellschaft. Von den technischen und künstlerischen Hervorbringungen geht es bis zu den Verhaltensmustern des Zusammenlebens und den Wertvorstellungen und Normen, die auch die philosophischen und religiösen Bezugssysteme einer Gemeinschaft miteinbeziehen.

Mit Kultur im engeren Sinne werden nun die Künste und ihre Hervorbringungen bezeichnet: Bildende Kunst, Literatur, die darstellenden Künste (von Theater über Tanz bis hin zum Film), Musik, die angewandten Künste wie Design und Architektur sowie ihre vielfältigen Kombinationsformen.

Bildung meint im Ergebnis einen Zustand, in dem der Mensch selbstverantwortlich fähig ist, sein Leben erfolgreich zu ge­stalten in produktiver und spannungsvoller Auseinandersetzung mit den prägenden Komponenten der Kultur und Gesellschaft.

Soweit so gut. Nun zu Corona.

In unseren Bildungsinstitutionen steht derzeit alles Kopf. Es wird die normale institutionelle Vorgehensweise in Frage gestellt: Wenn doch alles auch online und von zu Hause aus funktioniert (oder zumindest: wenn es funktioniert…), was bedeutet das dann eigentlich in letzter Konsequenz für die Schulen und Hochschulen? Wofür brauchen wir dann zukünftig die Bildungsinstitutionen? (Und wohlgemerkt: Es ist hier explizit nicht gemeint „Brauchen wir sie überhaupt?“ sondern „wozu?“) Könnte die oft im Vordergrund stehende logistische Funktion der Wissensvermittlung und -zertifizierung nicht doch vielleicht auch anders organisiert werden?

Jetzt wo alle Lehrer*innen nach Hause geschickt werden, scheint es dennoch weiterzugehen, denn die Lehrer*innen sollen die Schüler*innen schließlich weiterhin betreuen – möglichst digital und online und mit Arbeitsblättern und Aufgaben. Währenddessen wird ununterbrochen darum gerungen, wann die Schulen endlich wieder aufmachen können. (Nur bezieht sich das Ringen derzeit vor allem auf Schulen und Hochschulen, weniger auf die ebenfalls geschlossenen Konzerthäuser, Opern und Theater.)

In diesem Kontext stellt sich also die Frage: Was für eine Bildung brauchen wir eigentlich? Eine Frage, die nicht lange genug diskutiert, gewendet und erwogen werden kann. Ist die derzeitige Krise einfach nur eine Krise des öffentlichen Raumes, den wir nicht mehr betreten dürfen? Eine Krise durch Ansteckungsgefahr? Oder ist es auch eine Krise, die es uns erlaubt die Frage zu stellen was für Inhalte Bildung eigentlich braucht? Durch den Wegfall von sozialen Kontakten ist das gesamte Leben und der persönliche Alltag von Grund auf verändert. Die Dinge, die uns lieb und teuer erscheinen, fehlen nun. In dieser Zeit von Ge- und Verboten und Distanz stellt sich die Frage nach unseren Prioritäten: Arbeit, finanzielle Sicherheit, Zusammenhalt und Funktion einer Gesellschaft, dies sind Punkte, die in ein neues Licht rücken und einen anderen, vielleicht völlig neuen Stellenwert entwickeln.

Es ist also eine Zeit, in der Werte, Vorgänge und Abläufe, im Grunde der allgemeine Begriff der „Normalität“, gestoppt sind, umgekehrt werden und wir schließlich damit konfrontiert sind, beängstigende Leerstellen zu erleben. Auf einmal stehen wir vor einem unerwarteten Nichts, dort, wo wir sonst etwas getan hätten. Und dieses durch die Krise hervorgerufene Nichts, diese Leerstellen, die Pausen und Fermaten eröffnen doch eigentlich die Chance für einen Perspektivwechsel.

In der beschleunigten Welt, in einer Welt vor dem Virus, erlebten wir alles nur an der Peripherie unserer Wahrnehmung. Nun wurde diese beschleunigte Welt angehalten und auf einmal können wir sehen und erkennen.

An dieser Stelle knüpft die Frage an: Was soll eigentlich bleiben? Was ist eigentlich der Sinn? An welchem Punkt stehen wir gerade, den wir sonst in der Beschleunigung gar nicht sehen? Was ist eigentlich der Zustand meines Lebens? Bin ich da wo ich sein möchte und da wo ich hingehöre? Was ist der Zustand meiner Schule? Sind wir da wo sense-2326348_1920.jpgwir sein könnten? Was ist der Zustand meiner Schüler*innen? Was ist der Zustand meiner Familie? Was ist der Zustand von meinem System und meiner Gesellschaft? Schließlich ist es eine Gesellschaft, die mich prägt und die mein Leben maßgeblich beeinflusst. Wie verhält es sich mit meiner Stadt, meinem Land und der gesamten Welt?

Ich jedenfalls würde mir sehr wünschen, dass wir uns alle genau diese Fragen stellen und damit noch weitergehen, indem wir die Frage stellen: „Was brauchen eigentlich junge Menschen, die die Zukunft unserer Gesellschaft gestalten werden, um Antworten zu finden?“.

Ich bin mir sicher, dass die Antworten auf jene Fragen zu tun haben mit Empathie, mit Ambiguitätstoleranz, mit Selbstkonzeptsteigerung, mit Reflexionsfähigkeit, mit der Frage: „Wie können wir Perspektiven wechseln?“, „Wie können wir uns in die Schuhe anderer setzen?“, „Wie können wir verstehen was Verantwortung bedeutet, für eine Entscheidung, die wir treffen?“. Genau diese Dinge sollten wir in unserem Bildungssystem in den Fokus stellen. Alle diese Dinge sind es eigentlich, um die herum wir Bildung aufbauen müssen – Schulbildung sowie Hochschulbildung. Die zentralen Werte des Lebens ergeben sich schließlich nicht aus dem Satz des Pythagoras, der Satz des Pythagoras sollte also vielmehr um diese zentralen Fragestellungen eingebettet werden.

Leonard Cohen trifft es doch in seinem Lied „Anthem“ recht passend, wenn er sagt: „There is a crack in everything. And that is where the light comes in“. In diesem Satz liegt Hoffnung und drückt die Chance aus zu sagen: „Aha, in der Krise liegt die Chance. Lasst es uns versuchen!“

 

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